Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr
- Team Wasteinator

- 4. Mai 2019
- 4 Min. Lesezeit
Oder auch: Über den von Instagram erzeugten Druck, das perfekte Zero-Waste-Leben zu führen. Und über Edelstahlstrohhalme, Veganismus und Zero-Waste-Kits.
Ein Blick durch meinen Instagram-Feed brachte mir letztens Klarheit: Ich bin gar kein richtiger „Zero-Waster“. Ich besitze keines dieser tollen Gadgets – seien es Edelstahlstrohhalme oder Zero-Waste-Kits – die ich laut Influencern und großen Bloggern benötige, um ein müllfreies Leben zu führen. Ich gebe es zu, bei mir landen Eierschalen im Bio-Müll, ohne dass ich vorher in sie Kresse reingepflanzt habe. Meine Einkäufe sind nicht immer schön genug für ein Instagram-Foto. Und das Schlimmste: Wenn ich nicht-veganen Käse an der Käsetheke kaufe, dann kommt er in eine alte Tupper-Box – und nicht wie eigentlich nötig in eine Edelstahlbox.
So genial ich die Möglichkeiten bei Instagram auch finde, sich mit anderen zu vernetzen oder sich gegenseitig zu motivieren, irgendwie bleibt manchmal ein fader Nachgeschmack. Nicht falsch verstehen: Mich persönlich motiviert die Community auf Instagram sehr und ich freue mich tierisch über jeden neuen Abonnenten auf unserem wasteinator-Profil. Aber manchmal habe ich einfach das Gefühl, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen kann. Im Folgenden möchte ich euch ein paar Punkte zeigen, die soziale Plattformen wie Instagram oft falsch darstellen.
Ihr seid anderer Meinung oder habt noch mehr Kritikpunkte? Lasst uns eure Meinung in den Kommentaren da.
1. Entweder man ist nachhaltig oder nicht!
Wer nachhaltiger leben will, braucht in den meisten Fällen eine mitunter lange Zeit zum Umstellen. Das kann beispielsweise ein langsamer Konsumverzicht, das Aufbrauchen von Lebensmitteln in Plastik oder auch einfach ein Denkprozess sein, um sich mit dem Nachhaltigkeits-Gedanken anzufreunden. Nachhaltigkeit wird bei Instagram aber oft sehr perfektionistisch betrieben. Klar, wie bei den meisten sozialen Plattformen, stellt sich der Nutzer stets vorteilhaft dar. Trotzdem: Wie schon oben geschrieben, bin ich als Anfänger oder Nicht-Perfektionist auf einmal gar kein „Zero-Waster“ mehr. Mir wird suggeriert, dass ich Zero-Waste zu 100% betreiben sollte – was aber für viele in der Realität aus verschiedenen Gründen ein Problem darstellt.
Seien wir mal alle ehrlich: Es ist doch besser, wenn viele versuchen, nachhaltiger als vorher zu leben als ein paar wenige, die es perfekt betreiben.
2. Nur mit viel Zeit und Handarbeitsgeschick kann man nachhaltig leben!
Nur um das mal vorweg zu nehmen: Wir verurteilen niemand, der in seine Eierschalen Kresse pflanzt oder einige Produkte selbst herstellt. Das ist etwas ganz wunderbares, nur eben nicht jeder besitzt das nötige Geschick oder die nötige Zeit.
Gerade aber auf der in diesem Post angegriffenen Social-Media-Plattform bekommt man öfters das Gefühl, zu wenig zu tun. Und damit meine ich: ich stelle nicht jedes Brot selbst her und gehe nicht im Wald Kräuter sammeln, geschweige denn verarbeite diese in irgendeiner Form weiter. Dabei wird oft ein gewisser Druck aufgebaut, der wahrscheinlich gar nicht so gewollt ist. Nicht vergessen werden sollte dabei, dass die meisten Blogger ihren Beruf hauptberuflich ausüben und gelinde gesagt: dieses Leben ist ihr Job! Instagram sollte man wohl als Inspiration sehen – nicht aber als Vorlage.
3. Ihr werdet durch Konsum von nachhaltigen Produkten zum perfekten „Zero-Waster“!
Das ist tatsächlich der Punkt, der mich immer am meisten zum Schmunzeln bringt: Ich soll als Abonnent mancher Kanäle mehr konsumieren, um nachhaltiger zu werden. Dabei soll ich aber natürlich nicht zum Kauf von 08/15-Produkten angeregt werden, sondern zu deren nachhaltigen Alternativen. Klar, mit neu gekauftem Zero-Waste-Kit in der Tasche bin ich allen Alltagssituationen gewachsen. Per se ist das ja kein schlechter Gedanke, aber mir stellen sich immer wieder die gleichen Fragen: Haben die Menschen, die dieses Produkt kaufen, kein Besteck und eine Stoffserviette zuhause, um sich selbst ein solches Kit zu basteln? Und: Brauche ich tatsächlich einen Edelstahlstrohhalm für meine Getränke?
Klar, die Argumente scheinen legitim: Wenn man den Edelstahlstrohhalm benutzt, spart man Unmengen an Plastik ein. Und die Plastik-Tupper-Box verliert bei jedem Waschen Mikroplastik, weswegen man mit einer aus Edelstahl besser bedient wäre. Und so wahr das auch alles ist: Nachhaltigkeit bedeutet auch, bereits Bestehendes solange zu nutzen, bis der Kauf neuer Produkte unvermeidbar ist. Und ganz wichtig: Nachhaltiger Konsum ist immer noch Konsum, der in der Herstellung viel Wasser und Emissionen produziert.
Abschließend bleibt mir hier nur noch zu sagen: Man braucht nicht per se viel Geld, um nachhaltiger zu leben – und das Wichtigste: man braucht keine neuen Produkte dazuzukaufen! Lieber schon Bestehendes nutzen und auf unnötige Luxusartikel verzichten.
4. Nur wer Veganer ist, dem liegt Nachhaltigkeit am Herzen!
Der wahrscheinlich kontroverseste Punkt in dieser Liste. Den Titel habe ich sehr bewusst gewählt, er soll aber trotzdem niemanden angreifen. Genau so wird das aber meiner Meinung nach auf einigen Kanälen auf Instagram proklamiert. Meiner Meinung nach kann man das aber so einfach nicht pauschalisieren.
Sowohl ein Veganer als auch ein „Alles-Esser“ kann un-nachhaltig leben. Wobei es natürlich einfacher ist, bei einem pflanzenbasierten Lebensstil ressourcenschonend zu leben. Das liegt daran, dass die Aufzucht und Haltung von Tieren Unmengen an CO2 in die Luft bläst und viel Wasser verbraucht. Wobei ich auch schon bei dem Punkt bin, der mir am Herzen liegt: Auch ein pflanzenbasierter Lebensstil und eine damit einhergehende Reduktion des Konsums tierischer Lebensmittel kann nachhaltig sein. Ich persönlich für mich sehe das mehr als einen Weg – Veganismus ist definitiv aus ethischer sowohl umwelttechnischer Sicht sinnvoll, aber manchmal einfach „too much to handle“. Oder aber (der Mensch ist frei): Es gibt einfach keinen Wunsch danach, vegan zu leben.
Nachhaltigkeit kann also jedem am Herzen liegen. Für manche mag das bedeuten vegan zu leben – für manche aber auch, tierische Produkte bewusster zu konsumieren und aus bester Bio-Qualität zu beziehen.
Und wie bei so vielem bleibt nur eines am Schluss zu sagen: Überdenkt manche Sachen, die ihr auf Plattformen wie Instagram seht, nochmals. Oft steckt Profitgier der Influencer dahinter, die Produkte verkaufen wollen oder lupenreiner Perfektionismus, der in vielen Fällen in der Realität so nicht erreichbar ist. Versucht euer Bestes – aber lasst euch nicht unter Druck setzen!
In diesem Sinne verabschiede ich mich von euch – und hoffe, dass ihr den Wald wieder sehen könnt, er ist nämlich einfach zu schön!
Lio vom Wasteinator-Team

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